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Transparenz als Chance für den Journalismus

Foto: Mariusz Szczygiel/Shutterstock.com
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Was genau bedeutet mehr Transparenz im Journalismus? Als Vorbild in dieser Hinsicht gilt die ZDF-Moderatorin Dunja Hayali. Sie wurde für ihren offenen Umgang mit Kritikern ausgezeichnet. Transparenz geht bei Hayali aber weiter, bis ins Private. Ist Personalisierung und Transparenz in dieser Form eine wünschenswerte Perspektive für den Journalismus? Marieluise Denecke macht klar: Es kann jedenfalls nicht nur um die Social-Media-Aktivitäten einzelner, populärer Medienfiguren gehen. Ihr Text ist ein Auszug aus dem Buch „Meinung Macht Manipulation“, das 2017 im Westend-Verlag erschienen ist.

»Kann den wer anzünden bitte?« Das ist ein Eintrag auf einer Facebook-Seite. Auf der Seite der rechtspopulistischen FPÖ (Freiheitliche Partei Österreichs). Mit »den« war ein Journalist gemeint. Was er getan hatte, um diese Todesdrohung zu bekommen? Er hatte einen Tweet abgesetzt. In diesem Tweet hatte er vorgeschlagen, dass der Österreichische Rundfunk Nachrichten doch optional mit türkischen Untertiteln senden könne. Es dauerte nicht lange, bis die Beschimpfungen kamen. Und eben diese Frage: »Kann den wer anzünden bitte?«

Florian Klenk ist Journalist und arbeitet für das österreichische Magazin Falter. Ihm galt diese Drohung. Als Reaktion darauf machte er sich auf die Suche nach dem Verfasser und traf sich mit ihm. Sein Artikel über diese Begegnung, »Boris wollte mich verbrennen« wurde am 8. November 2016 auf der Website des Falter online gestellt. In meiner Facebook-Timeline tauchte er seitdem oft auf: Er ist eine Geschichte darüber, wie einseitige Informationen Menschen beeinflussen können. Laut Klenk konsumiert der Mann kaum TV-Nachrichten, Zeitungen hat er noch nie abonniert. Seine Informationen kommen von Facebook und YouTube. Journalisten misstraue dieser Mann, weil sie in seinen Augen gesteuert werden.

Dabei sei er nicht einfältig, nicht ungebildet, nicht vom modernen Wandel der Welt zurückgelassen. Stattdessen: gehobener Mittelstand und politisch interessiert. Informationen aus einer Filterblase, Desinteresse an Medien, gleichzeitiges Misstrauen gegenüber Journalisten: All diese Dinge schlagen plötzlich um in – zumindest virtuellen – Hass und die öffentlich gestellte Forderung, einen anderen Menschen anzuzünden. Wegen eines Tweets. Diese Geschichte führt zu der Leitfrage dieses Textes: Wie sollen wir damit umgehen, wenn Menschen den Medien nicht mehr vertrauen? So wie der Mann, den Florian Klenk aufsuchte.

Dunja Hayali überlegt lange. Gerade hat ihr eine Reporterin genau diese Frage gestellt: »Was können wir denn tun, um das Vertrauen zurückzugewinnen?« Für die ARD-Reportage »Vertrauen verspielt?« über die Glaubwürdigkeitskrise der Medien, ausgestrahlt im Juli 2016, wurde Hayali neben vielen weiteren Journalisten interviewt. Die ZDF-Journalistin denkt nach. Ihr Gesicht ist groß auf dem Bildschirm zu sehen. Man merkt, dass sie nach einer guten Antwort sucht. »Das ist ja die Gretchenfrage«, sagt sie schließlich. Sie weiß, wie alle Journalisten: Vertrauen die Menschen nicht darauf, dass professionelle Journalisten gute Arbeit leisten, steht diese Arbeit auf wackligen Füßen. Schließlich zählt Dunja Hayali »kleine Mosaikstücke« auf, durch die man das Vertrauen zurückgewinnen könnte.

Dialog mit den Medienkritikern auf der Straße

Zum Beispiel: Menschen erklären, wie Journalisten arbeiten. Kritische Medienkonsumenten zu Hause besuchen. Menschen einladen, Journalisten einen Tag lang zu begleiten. Mit Medienkritikern auf der Straße ins Gespräch kommen. Letzteres tat Hayali zusammen mit einem ZDF-Team: Sie besuchte im Oktober 2015 eine AfD-Demonstration in Erfurt und sprach mit den Menschen über ihre Beweggründe, an der Demo teilzunehmen. Unter anderem wegen dieser Offenheit erhielt sie im Jahr 2016 den Fernsehpreis »Goldene Kamera« in der Kategorie »Beste Information«. In der Begründung der Preisverleihung hieß es unter anderem: Dunja Hayali »geht keiner Konfrontation aus dem Weg und flüchtet sich niemals in Ironie. Das, was im Journalismus zum handwerklichen Selbstverständnis gehören sollte, erscheint bei Dunja Hayali so konsequent und normal – und fällt gerade deshalb auf«.

Keiner Konfrontation aus dem Weg gehen, offen sein – ja, das sollte zum handwerklichen Selbstverständnis im Journalismus gehören. Dennoch ist es eine neue Art der Transparenz, die Hayali demonstriert hat. Es ist die Offenheit, sich als Journalist vor der Kamera zu zeigen und sich mit den größten Kritikern ins Gespräch zu begeben. Auch die »Mosaikstücke«, die sie in der Dokumentation ansprach, sind Instrumente, um die journalistische Arbeit transparent zu machen. Transparenz bedeutet – auch im eigentlichen Wortsinn – Klarheit. Vor allem geht es um Zugang zu relevanten Informationen. Transparentes Verhalten soll Verständnis für die Vorgänge innerhalb einer Organisation wecken und dadurch den Dialog fördern. Im Journalismus gilt Transparenz als Zeichen der Qualität und erhöht die Glaubwürdigkeit.1 (…)

In Schweden oder den USA beispielsweise arbeiten Medienhäuser schon länger daran, die eigene Arbeit transparenter zu machen: Redaktionskonferenzen werden ins Internet übertragen, Redaktionen werden geöffnet, die Arbeit wird explizit erklärt. Klassische Wege, dem Publikum das Gespräch mit der Redaktion zu erleichtern, sind hier schon länger implementiert, beispielsweise durch sogenannte Leseranwälte oder Ombudsleute für die Leser. Die schwedische Tageszeitung Norran etwa nutzt seit 2009 einen sogenannten Leser-Chat.2. Auf der Homepage der Zeitung wird dem User signalisiert, dass er das konstruktive Gespräch zur Redaktion durch einen Chat suchen kann. So bekommen Redakteure ein Gesicht, werden ansprechbarer – und die Redaktion bekommt außerdem Themenideen und ein engagierteres Publikum.

Die gläserne Redaktion

Anderswo zeigen Kameras, Live-Übertragungen oder ganze Fernsehsendungen, wie eine Redaktionskonferenz abgehalten wird oder ein investigativer Beitrag zustande kommt, beispielsweise in der – ebenfalls schwedischen – Öppen redaktion. In Deutschland galt Transparenz bislang nicht als wichtiges Qualitätsmerkmal. Vor dem Hintergrund der »Lügenpresse«-Vorwürfe scheint sich dies derzeit jedoch zu ändern: »Transparenz rüttelt am traditionellen journalistischen Wert der Objektivität«, schreiben Klaus Meier und Julius Reimer. Kommunikation und Diskussion seien »die neue Richtschnur in vielen Redaktionen«.3 Bislang galt Objektivität als eines der zentralen Qualitätsmerkmale für journalistische Beiträge. Dabei war dies schon immer ein streitbarer Begriff: Natürlich durchläuft jedes Aufarbeiten einer Information einen subjektiven Prozess. Journalisten sind, trotz professioneller Ausbildung, subjektive Wesen. Zwei Dinge haben sich jedoch geändert: Dem journalistischen Aufarbeitungsprozess wird vonseiten der »Lügenpresse«-Rufer starkes Misstrauen entgegengebracht. Mehr noch: Journalistische Arbeit – der natürlich auch Fehler unterlaufen können – wird pauschal mit bewusstem Lügen gleichgesetzt. Und: Web 2.0 und soziale Netzwerke fordern eine sehr viel stärkere »dialogue transparency« – also den stärkeren Dialog zwischen Journalist und Publikum – ein.4 (…)

Man kann dabei so weit gehen und sich zur Marke machen: Im Videoformat »#Kleberklärt« beispielsweise hat ZDF-Moderator Claus Kleber Stellung zu Geschehnissen im US-Präsidentschaftswahlkampf genommen. Ein anderes Beispiel ist das junge Nachrichtenformat des ZDF, »heute plus«, dessen Moderatoren Eva-Maria Lemke und Daniel Bröckerhoff sich um Interaktivität mit den Nutzern bemühen. Die verstärkte Personifizierung kannte man bislang eher aus dem amerikanischen Journalismus. Durch die Beliebtheit von sozialen Netzwerken und die wachsende Bedeutung von Video-Inhalten treten inzwischen auch viele deutsche Journalisten stärker in den Vordergrund.

Die Grenzen des Dialogs

Doch diese Personifizierung ist ein zweischneidiges Schwert: Man macht sich als Journalist auch sehr viel angreifbarer. Gerade, wenn eine Debattenkultur kaum mehr herzustellen ist und man vor lauter Hasstiraden die ernsthaften Kommentare nicht mehr sondieren kann. Dunja Hayali ist wohl das beste Beispiel dafür: Nach eigener Aussage liest sie fast alle Kommentare auf ihrer Facebook- und Twitter-Seite – und das bei, Stand August 2017, über 230.000 Facebook-Fans und über 180.000 Twitter-Followern. Auch Armin Wolf ist in den sozialen Netzwerken äußerst aktiv. Er ist stellvertretender Chefredakteur des ORF und Moderator der Informationssendung »ZIB 2«. Er will nach eigener Aussage durch seine hohe Aktivität auf Facebook und Twitter mit den Menschen in Kontakt treten. Dafür ist er, ebenso wie Hayali, inzwischen bekannt.

Foto: Westend Verlag

Den vollständigen Essay von Marieluise Denecke finden Sie in „Meinung Macht Manipulation – Journalismus auf dem Prüfstand“, herausgegeben von Prof. Dr. Michael Steinbrecher und Prof. Dr. Günther Rager, Westend Verlag, 240 Seiten, 18 Euro.

Beide Fälle zeigen, wie hoch der Aufwand dieser Methode ist. Da dies seine Seiten seien, so Wolf auf einer Podiumsdiskussion der »netzwerk recherche«-Journalistentagung im Juli 2016 in Hamburg, habe er auch die medienrechtliche Verantwortung, die Kommentare zu moderieren. Moderieren heißt: sicherstellen, dass keine Kommentare auf den Seiten stehen, die gegen geltendes Recht verstoßen. Volksverhetzung oder Mordaufrufe etwa. Dies scheint von vielen Facebook-Kommentatoren schnell vergessen zu werden. Wer sich wie Wolf und Hayali entscheidet, derart präsent und erreichbar in der Netzwelt zu sein, muss sich ein extrem dickes Fell gegen Beleidigung, Drohungen und Verleumdung zulegen. Und er muss viele, viele Stunden zusätzlich zur eigentlichen Arbeit investieren.

Wer sich als »Social Media Manager« einer Zeitung oder als Moderator einer Sendung persönlich mit Facebook-Kommentaren und Hassmails auseinandersetzt, hat keinen leichten Job. Eine schöne Aufgabe ist das nicht. Diskussionswellen schlagen besonders bei emotionalen Themen hoch, beispielsweise bei der Flüchtlingsthematik. So hoch, dass auch Transparenz nicht immer wirken kann: »[…] auch dialogorientierte Kommunikation gerät an ihre Grenzen, wenn hochemotionale und wertbeladende Themen zur Diskussion oder sich zwei nicht miteinander vereinbare Positionen gegenüberstehen.«5 (…) Das Engagement einzelner Journalisten auf Facebook und Twitter ist bewundernswert, kann aber nur der Anfang sein. Es muss eine »Kultur der Transparenz« Einzug in die Redaktionen halten, um die Glaubwürdigkeit der Medien zu erhöhen.

Über die Autorin

Marieluise Denecke hat bei der niedersächsischen Schaumburger
Zeitung volontiert. Anschließend studierte sie Journalistik und Anglistik
an der Technischen Universität Dortmund und war stellvertretende
Projektleiterin des Fernsehsenders nrwision. Zum Ende
ihres Master-Studiums kehrte sie für eine Redakteursstelle Print/
Online nach Niedersachsen zurück.

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  1. Vgl. Julia Ebert, Sebastian Keßler, Sophia Charlotte Volk: »Akzeptanz durch Transparenz?«, in: Günter Bentele et al.: Akzeptanz in der Medien- und Protestgesellschaft. Zur Debatte um Legitimation, öffentliches Vertrauen, Transparenz und Partizipation, Wiesbaden 2015, S. 43 ff.
  2. Vgl. Carolin Neumann: »Die gläserne Redaktion«, in: Journalist 11/2012, S. 72–76
  3. Vgl. Julius Reimer, Klaus Meier: »Transparenz im Journalismus. Instrumente, Konfliktpotenziale, Wirkung«, in: Publizistik, 56/2011, Heft 2, S. 134
  4. J.L.H. Bardoel, H.P. Groenhart: »Conceiving the Transparency of Journalism: Moving towards a New Media Accountability Currency«, in: Studies in Communcation Sciences, 12/2012, S. 6-11, S. 9 und S. 140
  5.  Patricia Grünberg: »Glaubwürdigkeit, Vertrauen und Akzeptanz«, in: Günter Bentele et al.: Akzeptanz in der Medien- und Protestgesellschaft. Zur Debatte um Legitimation, öffentliches Vertrauen, Transparenz und Partizipation, Wiesbaden 2015, S. 35