Alle Artikel in: Quo vadis, Journalismus?

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Die Gatekeeper sind weg

Eine Welt ohne Journalismus: Das Szenario einer Gesellschaft, die zwar nicht informationslos ist, in der aber von Journalisten orchestrierte Informationen verschwunden sind? Jedem Menschen wird ein zugeschnittenes Medienmenü geliefert, dass er noch nicht einmal selbst wählen muss, weil die Maschine es für ihn berechnet. Personalisierung und Algorithmisierung sind freilich keine dunkle Dystopie oder verheißungsvolle Utopie. Beide sind längst in unserem Alltag und auch in der Medienbranche angekommen. Ein Verbot wäre insofern der falsche Weg. Doch wie weit sollen diese Entwicklungen gehen? Dominik Speck entwirft ein düsteres Gedankenspiel. Sein Text ist ein Auszug aus dem Buch „Wenn Maschinen Meinung Machen“, das im März 2018 im Westend-Verlag erschienen ist.  Kurz das Gesicht scannen lassen, Türe auf, losfahren, endlich entspannen. Kein Plan, wie die Menschen das früher gemacht haben, als die Autos noch dumm waren und ihre Fahrer alle die gleiche Straße genommen haben, nur um sich dann fluchend über die Verkehrsplaner zu beschweren. Überhaupt, die menschliche Idiotie. Zum Glück hatte man sie endlich ersetzt, denkt Jacob. Zumindest im Arbeitsleben. Ersetzt durch die nüchterne Kraft von Maschinen. Unterstützen wir doch den …

Neue Nachrichten vom Chatbot

Nachrichtenkonsum mal nicht als Einbahnstraße: Mit News-Chatbots können Nutzer kommunizieren. In Deutschland hat Martin Hoffmann auf diesem Gebiet Pionierarbeit geleistet: Seine App Resi ging 2016 an den Start, Hoffmann gab für das Start-Up seinen Job als Social Media-Chef bei der Welt auf. Resi richtet sich explizit nicht an Nachrichtenjunkies. Im Interview erzählt Hoffmann, warum ihn die Ernährungsberatungs-App Lark bei der Entwicklung von Resi inspiriert hat – und warum Technikkompetenz für angehende Journalisten so wichtig ist.  Wenn Sie eine Kontaktanzeige in der Zeitung für Resi schreiben würden, was würde da stehen? Hoffmann: Unterhaltsame junge aufgeschlossene Frau sucht Millionär mit gutem Wissensstand. Wir suchen nach Geld, deshalb wäre der Millionär ganz oben. Und in Richtung der Nutzer? Wir richten uns ja eher an Leute, die nicht hier ein Studium anfangen würden, sondern eher ein mittelgutes Bildungsniveau haben. Unsere App ist weniger für Akademikerkinder geeignet, sondern eher für Leute, die wenig Bezugspunkte zu Nachrichten haben, nicht die Tagesschau einschalten, und auch sonst selten bis nie Nachrichten konsumieren. Dieser Zielgruppe wollen wir einen Einstieg in die Nachrichtenwelt bieten. Geht das Konzept auf? Ja, das tut es. …

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Journalismus mal konstruktiv?

Felix Austen ist Physiker und Journalist. Er hat das Medien-Start-Up Perspective Daily mit aufgebaut. Perspective Daily macht konstruktiven Journalismus. Abonnentinnen und Abonnenten erhalten für 60 Euro Mitgliedsbeitrag im Jahr Zugriff auf die Online-Plattform, von montags bis freitags erscheint pro Tag ein neuer Artikel. In ihren Texten sind die Autorinnen und Autoren nicht nur auf der Suche nach Problemen und offenen Fragen in der Gesellschaft – sie stellen jedes Mal die Frage: „Wie können wir helfen, es besser zu machen?“ Felix schreibt über die Themen Energiewende und Nachhaltigkeit. Im Interview erzählt er, was konstruktiven Journalismus überhaupt ausmacht und ob Perspective Daily die Welt schon ein bisschen besser gemacht hat, seitdem es im Juni 2016 online gegangen ist. Von Anneke Niehues und Franziska Fischer Felix, du bist Physiker und hast dich irgendwann entschlossen, ein Medien-Start-Up mitaufzubauen und zwar eines, das sich explizit dem konstruktiven Journalismus widmet. Wie bist du zu Perspective Daily gekommen? Austen: Dem konstruktiven Journalismus bin ich begegnet, als ich Han und Maren kennengelernt habe. Ich bin jetzt etwa seit zweieinhalb Jahren dabei, also auch schon …

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Wie funktioniert Radio im Social Web?

Radio funktioniert über Ton, nicht über Bilder. Aber in der schönen neuen Welt ist alles anders: Warum funktionieren Audios in sozialen Netzwerken nicht? Wieso verlinkt 1Live auf Facebook nicht auf die eigene Seite? Welche Inhalte bringen die meisten Klicks? Und welche Kompetenzen muss ein Social Media-Journalist mitbringen? Jens Becker, Channel Manager von 1 Live, gibt Einblicke in die Social Media-Arbeit der jungen WDR-Welle. Von Veronique Gantenberg und Jonah Lemm Jens Becker, Sie sind Channel-Manager von 1Live, also für den gesamten Internetauftritt verantwortlich. Auf Social Media wirkt es oft so, dass Sie und Ihr Team vermehrt auf humoristische Posts, Memes und Videos setzen. Anders als die Auftritte von vielen anderen öffentlich-rechtlichen Sendern. Warum haben Sie diesen Weg eingeschlagen? Becker: Eigentlich ist es gar nicht zwangsläufig so. Es gibt, glaube ich, ein Übergewicht von humoristischen Beiträgen. Tatsächlich ist es aber so, dass wir unseren Auftritt in drei „Potenzialfelder“ aufgeteilt haben. Das klingt erstmal ein bisschen hölzern. Gemeint sind: „Musik, Pop, Stars“, „Comedy“ und der dritte Bereich ist „Sektor“ – da fällt alles drunter, was für unser Sendegebiet relevant …

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Spiel mir die Nachricht des Tages

„Newsgames können etwas, das andere Medien nicht können.“ Das ist der Leitsatz von Marcus Bösch. Der Journalist und Game-Entwickler verrät im Interview, welche Nische Newsgames im digitalen Journalismus besetzen können. Außerdem gibt er einen Einblick in die Entwicklung und Produktion solcher Spiele, spricht über neue Trends in der Branche und erklärt, wieso ein Journalist besser alles andere als eine eierlegende Wollmilchsau sein sollte. Von Patricia Averesch und Lukas Hemelt Marcus Bösch sitzt am Computer und spielt das Newsgame President Evil der ZDF heute-show. Bösch: Wir befinden uns in der nahen Zukunft. Ein Nano-Bot hat uns geschrumpft und in der Zeit zurückgeschickt. Nun sind wir im Gehirn von Donald Trump. Dort können wir ein wenig aufräumen und gewisse Themenkomplexe aus Donald Trumps Gehirn umwandeln – einen Haufen Scheiße zum Beispiel. Während Marcus Bösch weiter im Kopf von Donald Trump „aufräumt“, beantwortet er die ersten Fragen. Wie ist Dir die Idee zu dem Spiel gekommen? Wir (Game-Studio The Good Evil, Anm. d. Red.) haben schon länger eine Kooperation mit der heute-show. Die sind auf uns zu gekommen. Kurze Freude …

„Nicht jeder kann Snapchat-Journalist sein“

Der Journalist Mark Heywinkel betreut den Snapchatauftritt bei Bild, ab März 2018 ist er stellvertretender Redaktionsleiter bei ze.tt. Als Snapchat-Journalist  nimmt er die Follower mit dem Account hellobild zu Events oder in den Redaktionsalltag mit. Auf Snapchat Discover, dem Nachrichtenportal der App, bereiten er und sein Team journalistische Inhalte auf. Wir haben mit ihm über Snapchat-Vorurteile und Selbstdarstellung in sozialen Netzwerken gesprochen – und darüber, welche Fähigkeiten ein Snapchat-Journalist haben muss. Von Anna Palm und Jil Frangenberg Wirst du von älteren Kollegen für deine Arbeit mit Snapchat belächelt? Heywinkel: Nein, tatsächlich nicht, und das ist auch der Grund, warum ich zu Bild gegangen bin. Ich finde, dass bei Springer alles Digitale wahnsinnig ernst genommen wird. Ich arbeite in dem Team „Neue Plattformen/Social Media“, das ist eine wahnsinnig junge Gruppe aus etwa 20 Leuten, dazu gehören auch die Kollegen, die Facebook und Twitter betreuen. Alle werden ernst genommen und niemand wird belächelt. Auch ich nicht für Snapchat. Das hätten wir nicht gedacht.  Ist Snapchat denn eine wirkliche Konkurrenz für deine Kollegen? Das kommt ganz drauf an, welche …

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Sprechen wir über Wahrheit

Journalisten haben einen ganz eigenen Anspruch an die Wahrheit. Vor allem daran, die Wahrheit in ihrer Arbeit abbilden zu wollen. Auf gewisse Weise basieren journalistische Qualitätsstandards wie „Objektivität“ und „Richtigkeit“  auf der Annahme, es gäbe eine vom Menschen losgelöste Wahrheit, an die man sich, nimmt man sich als Berichterstatter nur weit genug zurück, annähern kann – in der Form, dass man sie nicht verfälscht. Aber: Ist das überhaupt möglich? Vielleicht kann Markus Gabriel, junger Shooting-Star der Philosophie, uns bei der Beantwortung dieser Frage helfen. von Hannah Schmidt Der Anspruch, den Menschen an den Journalismus stellen, ist derjenige, umfassend und möglichst unverfärbt über Tatsachen informiert zu werden. Stimmen die berichteten Tatsachen nicht mit dem überein, was der Rezipient oder die Rezipientin für die „wahren“ Tatsachen hält, wird jedoch vor allem in den letzten Jahren schnell das Wort „Lüge“ in den Mund genommen, wird von Fälschung, von „Fake News“, gesprochen. Das bringt eine persönliche Ebene ins Spiel, die erst einmal mit dem Berichteten gar nichts zu tun hat: Schließlich ist eine Lüge eine absichtliche Falschdarstellung einer Sache, …

PHOTOCREO Michael Bednarek/Shutterstock.com
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Nur noch kurz die Welt retten

Was ist Journalismus eigentlich heute noch? Hält er den Menschen den Spiegel vor – oder allzu oft den Zerrspiegel? Macht das „Getöse der Medien“, wie es viele Menschen empfinden, heute noch Sinn? Elisabeth Thobe hat diesen Fragen auf sehr persönliche Weise nachgespürt. Ihr Text ist eine Selbstvergewisserung darüber, was den Journalismus heute eigentlich noch ausmacht – und wie Journalisten der grassierenden Kritik an ihrem Berufsstand begegnen sollten. Ihr Text ist ein Auszug aus dem Buch „Meinung, Macht, Manipulation – Journalismus auf dem Prüfstand“,  das von Michael Steinbrecher und Günther Rager herausgegeben wurde und im Westend-Verlag erschienen ist. Angst hat für mich die Form einer Roulade. Verstehen Sie mich nicht falsch; ich bin weder radikale Vegetarierin, noch erschüttern mich die Konsequenzen eines guten Essens auf der Waage. Sie ist auch kein Ausdruck eines schweren Kindheitstraumas. Die Roulade ist für mich – und das ganz ohne eigenes Verschulden – zu einem Symbol geworden für den Moment, in dem sich ein Teil meines Weltbilds änderte. Und ich etwas erkannte, das ich bis dato nicht hatte sehen können. Oder …

Foto: ESB Professional/Shutterstock.com
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Der wachsame Laie im Netz

Wenn die tradierte Medienselbstkritik versagt, springen oft wachsame Laien ein. Sie recherchieren und kommentieren, decken Fehler von Journalisten auf, oft mit großer Sachkenntnis. Wie groß kann ihre Wirkung sein? Wie ernst müssen Journalisten die neuen Medienkritiker nehmen? Julian Beyer glaubt an eine positive Wirkung der wachsamen Laien und plädiert für eine partizipativere Form der Medienregulierung. Sein Text ist ein Auzug aus dem Buch „Meinung Macht Manipulation“, das 2017 im Westend-Verlag erschienen ist. »Rasender Reporter« hat sich Egon Erwin Kisch einst selbst genannt. Als junger Journalist entlarvte er einen tschechischen General als Spion, und später sagte Kisch: »Der Reporter dient dem Widerstand des Proletariats gegen die ganze Welt.« Seine literarischen und unterhaltsamen Reportagen zu Beginn des 20. Jahrhunderts gelten heute als Wiege für investigativen Journalismus. Damals trafen sie aber nicht jedermanns Geschmack. Der Medienkritiker Karl Kraus schimpfte Kisch einen »Kehrrichtsammler der Tatsachenwelt«. Der reagierte prompt: Kraus lebe noch in der Vergangenheit und bevorzuge den »Federstiel gegenüber der Schreibmaschine« – während bereits ein neues Zeitalter begonnen habe. Fast hundert Jahre später blicken Medienkritiker in Deutschland wieder einem neuen Zeitalter …

Foto: tommaso lizul/Shutterstock.com
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„Haltung“ – aber wie?

Journalisten sollen Haltung zeigen: Das ist eine altbekannte Forderung. Andererseits stehen Medienschaffende regelmäßig in der Kritik: Sie veröffentlichten Meinungen statt Fakten, subjektive Eindrücke statt objektive Betrachtungen. Die alte Debatte über Objektivität im Journalismus ist wieder aktuell. Jana Fischer reflektiert, was  Haltung zeigen für Journalisten heute eigentlich bedeutet. Der Text ist ein Auzug aus dem Buch „Meinung Macht Manipulation“, das 2017 im Westend-Verlag erschienen ist. Von Jana Fischer »Haltung zeigen!« forderte Anja Reschke im August 2015 in einem viel beachteten »Tagesthemen«-Kommentar von ihren Zuschauern. »Haltung zeigen« sollten die Bürger gegen Online-Hasskommentare im Zuge der Flüchtlingsdebatte: gegen herabwürdigende, beleidigende, teils strafrechtlich relevante Aussagen. Ihre »klare Haltung« war es dann auch, für die Reschke später vom medium magazin als Journalistin des Jahres ausgezeichnet wurde. Dass sie selbst aus ihrer Rolle als neutrale Beobachterin herausgetreten war, wurde ihr explizit zugutegehalten: Haltung sei genau das, »was der Journalismus in Zeiten der ›Lügenpresse‹-Vorwürfe braucht«, so die Begründung. Haltung: Der Begriff ist im journalistischen Kontext in der Regel positiv besetzt. Interessant eigentlich, denn mit der »Meinung«, der kleinen Schwester der Haltung, geht …