Algorithmen, Der Mensch von Morgen, Quo vadis, Journalismus?

Die Gatekeeper sind weg

Foto: Shutterstock.com/Bloomicon
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Eine Welt ohne Journalismus: Das Szenario einer Gesellschaft, die zwar nicht informationslos ist, in der aber von Journalisten orchestrierte Informationen verschwunden sind? Jedem Menschen wird ein zugeschnittenes Medienmenü geliefert, dass er noch nicht einmal selbst wählen muss, weil die Maschine es für ihn berechnet. Personalisierung und Algorithmisierung sind freilich keine dunkle Dystopie oder verheißungsvolle Utopie. Beide sind längst in unserem Alltag und auch in der Medienbranche angekommen. Ein Verbot wäre insofern der falsche Weg. Doch wie weit sollen diese Entwicklungen gehen? Dominik Speck entwirft ein düsteres Gedankenspiel. Sein Text ist ein Auszug aus dem Buch „Wenn Maschinen Meinung Machen“, das im März 2018 im Westend-Verlag erschienen ist. 

Kurz das Gesicht scannen lassen, Türe auf, losfahren, endlich entspannen. Kein Plan, wie die Menschen das früher gemacht haben, als die Autos noch dumm waren und ihre Fahrer alle die gleiche Straße genommen haben, nur um sich dann fluchend über die Verkehrsplaner zu beschweren. Überhaupt, die menschliche Idiotie. Zum Glück hatte man sie endlich ersetzt, denkt Jacob. Zumindest im Arbeitsleben. Ersetzt durch die nüchterne Kraft von Maschinen. Unterstützen wir doch den Menschen endlich in dem, was er am besten kann: bequemlich sein. Warum sich abmühen? Ja, vielleicht war das die letzte große Glanzleistung in der Geschichte der Menschheit, der letzte Schritt der Evolution, bitter vielleicht, aber folgerichtig: Wir haben unsere eigene Arbeitskraft weitgehend überflüssig gemacht, denkt Jacob. Also jetzt nur noch Smart Homes, Smart Cars, Smart Stores. Und die paar Leute, die sich darum kümmern, dass all das am Leben bleibt: die Entwickler, Unternehmer, Politiker und Influencer. Schwarmintelligenz, wie lachhaft! Wie Lemminge haben sich die Menschen von der Klippe gestürzt, denkt Jacob, lass uns untergehen im Ozean der Bequemlichkeit. Und so liefern nun Drohnen den Menschen, was sie brauchen. Und warum überhaupt nachdenken, was man braucht, was man fühlt, wohin man will, irgendein Sensor wird es schon spüren. […]

Kaum jemand will die alte Zeit zurück. Die jahrzehntelange Disruption hat Arbeitsplätze vernichtet, die Demokratie ist sicher auch deswegen den Bach heruntergegangen, die Gesellschaft hat sich immer weiter entfremdet und gespalten. Dann kamen Unsicherheit und Terror, und als endlich wieder Ruhe war, Ruhe und Frieden, wollte keiner mehr Diskurse führen. Oder mehr noch, niemand wusste mehr, was Diskurs überhaupt war, was eine Öffentlichkeit, was öffentliche Meinungsbildung. Nun gut. Dafür ist das Spiel nun klar: Die Zeit der Institutionen ist vorbei. Die Zeit der Individuen hat begonnen. Und da schaffen es halt zwangsläufig die Individuen, die am meisten können, denkt Jacob. Für den Rest Brot und Spiele.

Die Leute wollen Emotionen 

Er selbst kann es natürlich. Jacob hat es geschafft. Seine Branche ist tot, aber ihm geht es prächtig. Journalist hat man seinen Job genannt, als er jung war. Der Glanz des Journalistenberufs verblasste zwar schon, aber Selbstbeweihräucherung hatte eine lange Tradition in Jacobs Branche. »Wir sind die Guten!«, wie oft hat er das gehört. Allein: Die Menschen haben es schon damals nicht geglaubt. »Lügenpresse!«, riefen aufgebrachte Massen auf Demonstrationen, ihrerseits zugedröhnt mit Lügen und Halbwahrheiten und falschen Informationen. »Was können wir tun?«, fragten sich die Journalisten. »Wir müssen mit den Menschen reden, sie verstehen«, sagten die einen. »Wir müssen jetzt alle Fakten noch akkurater prüfen«, mahnten die anderen. Faktenchecks. Das war es damals. Überall Faktenchecks. Aber Jacob dachte schon damals, mein Gott, kommt mir nicht mit Fakten, die Leute wollen Emotionen. Emotion und Selbstbestätigung, nur ja nicht zu viel denken. Jacob war da immer schon näher an der Werbung als am Journalismus mit seinem nörgligen Meinungsbildungsgequatsche.  […]

Jacob ist es auch egal, ob er auf der »guten Seite« steht oder nicht. All die Naivlinge, die vom öffentlichen Auftrag der Presse schwadroniert haben, Vierte Gewalt und so, denkt Jacob. Aber wer gibt der Presse überhaupt das Mandat dazu? Ja, wirklich, wer sagt denn, dass es immer Journalisten sein müssen, die die Meinungsbildung kuratieren, und nicht etwa ungepflegte Debatten in sozialen Netzwerken? Wenn jeder nach seinem eigenen Glück strebt, brauchen wir dann überhaupt eine öffentliche Meinung? […]

Grundversorgung war gestern

Warum noch Massenmedien, wenn sich jeder sein Menü selbst zusammenstellen lassen kann? Wahlweise ohne Extras, für die anderen mit Toppings, alles für nur 30 Cent mehr. Und man muss die Extras noch nicht mal selbst auswählen und ankreuzen, keine Qual der Wahl. Das macht der Algorithmus.

Grundversorgung war gestern. Jeder bekommt das, was er möchte. Das ist technisch jetzt ja alles machbar. Zwangsgebühren musste auch keiner mehr zahlen. Wer brauchte schon öffentlich-rechtlichen Rundfunk, diese Erkenntnis hat sich irgendwann durchgesetzt, auch in der Politik. Der Journalismus ist sehenden Auges untergegangen. Überlebt haben nur die paar großen Medienunternehmen, die rechtzeitig in das Richtige investiert hatten: E-Commerce, Multi-Channel-Netzwerke, Start-ups. Lange Zeit haben sie den Journalismus noch mitfinanziert, als Nebenprodukt. Aber irgendwann lohnte sich das selbst fürs Prestige nicht mehr.

Der Journalismus ist tot, aber Jacob hat überlebt. Als er jung gewesen ist, predigten die Gurus seiner Branche: Der Journalist muss zur Marke werden! Ihr müsst unabhängig von euren Redaktionen funktionieren. Viele hielten das damals für Unsinn, wollten sich selbst nicht vermarkten. Man kämpfte ja für das Gute und Schöne. Jacob nahm die Marke ernst. Begreift ihr’s denn nicht? Schaut euch um, warnte Jacob, schaut auf Youtube: Die Marken da sind eigentlich alle Individuen. Damals wuchs eine Generation heran – die erste, die mit der schönen alten Welt nichts mehr anfangen konnte. Die keine Welt mehr kannte, in der das Digitale nicht alles durchdrungen hätte. Diese Generation konsumierte Medien anders, sie war das Häppchen-Format gewohnt, ein Brocken hier, ein Brocken dort. Als Jacob Kind war, war alles so umständlich gewesen. Von unterwegs wurde noch aus Telefonzellen angerufen, und die digitale Vernetzung war ein feuchter Traum einiger Geeks, naiv beseelt vom Glauben an eine bessere, demokratischere, gerechtere Zukunft, Messias HTML. Doch daran glaubt heute niemand mehr.

Fragt man Jacob heute nach seinem Beruf, antwortet er: Influencer. Das ist, was er macht, nicht mehr, nicht weniger. Und das Wort ist sogar noch passend, denn Jacob hat Einfluss. Er berichtet über Politik, informiert die Mächtigen darüber, was in ihrem Kosmos los ist, pointiert und launig. Jacob dreht Videos, sein Kanal ist Pflicht für die Oberen. Zugegeben, sein Publikum ist klein, aber so ist das eben heute. Jeder lebt in seiner eigenen Echokammer, wie es dem menschlichen Wesen nun mal entsprach. So etwas wie eine breite politische Öffentlichkeit hat es ohnehin nur kurz in der Menschheitsgeschichte gegeben, hundert Jahre vielleicht, wenn überhaupt, und selbst in dieser Zeit ist sie brüchig gewesen und gespalten, eine journalistisch orchestrierte Illusion, denkt Jacob, ideal nur in habermasschen Blütenträumen. »Special Interest« ist heute die Devise. Und Politik ist nun mal sehr speziell, vor allem jetzt, wo ohnehin jeder sein zufriedenes Leben führen kann und die Leute nicht mehr viel mitzureden haben, weil auch die Politik von automatisierten Abläufen lebt. Die meisten Menschen, die früher durch die Lokalzeitung blätterten, haben doch ohnehin nur nach Bildern von sich selbst gesucht oder wollten erfahren, was der Nachbar so treibt. Der Mantelteil mit all den Politiknachrichten, herrje, der war nun mal dabei. Und im linearen Fernsehen zappte man aus Gewohnheit auch mal in die Nachrichten, schau her, schon wieder eine Katastrophe, die nächste Ölpest, der nächste Bürgerkrieg, ach Gott, Jacob vermisst das nicht.

Also sind politische Informationen heute ein Nischenprodukt, ausgespielt unter ferner liefen auf den großen Portalen, nur wenigen Zuschauern vom Algorithmus zugespielt. Und Jacob ist ein Influencer. Er ist unter Vertrag bei einem der großen Netzwerke, zusammen mit Sängern, Sportlern und Teenagern, die Beauty-Produkte bewerben. Auch ein paar Aktivisten zählen dazu, sie demonstrieren in ihren Clips gegen das Aussterben der Vögel oder die Digitalisierung auch noch der letzten Weltgegenden.  […]

Am wichtigsten für das Netzwerk sind allerdings die großen Konzerne, die ihre Inhalte ebenso ungefiltert wie alle anderen Influencer in die Welt pusten konnten, schön aufgemacht, gerne konsumiert von Millionen. Viele seiner ehemaligen Kollegen sind bei den Firmen gelandet, zerbrechen sich nun ausgestattet mit fetten Budgets den Kopf darüber, welche Darstellungsform die Message ihres Arbeitgebers am besten rüberbringen würde.

Jetzt ist die Zeit der Individuen 

Auch Jacob hätte für so eine Firma arbeiten können, Angebote hätte es genug gegeben. Aber Jacob ist gerne Influencer. Die alte Zeit vermisst er nicht. Jetzt ist die Zeit der Individuen, nicht der Institutionen. Und die alten Medienhäuser sind eben auch Institutionen gewesen, selbst die privaten: Schwere Tanker, kaum zu reformieren, manövrierunfähig im neuen Meer der digitalen Bequemlichkeit. In jeder Redaktion schleppte man zwangsweise ein paar Leute mit, die allenfalls bereit waren, Dienst nach Vorschrift zu tun. Aber nun ist auch die letzte Redaktion dicht. Für diese Leute gibt es ein Grundeinkommen, und sie können tun, was immer sie wollen. Aber Jacob kann weitermachen, befreit vom Ballast, kann seine Kontakte in die Politik pflegen. 

Foto: Westend Verlag

Den vollständigen Essay von Dominik Speck finden Sie in „Wenn Maschinen Meinung Machen – Journalismuskrise, Social Bots und der Angriff auf die Demokratie“, herausgegeben von Prof. Dr. Michael Steinbrecher und Prof. Dr. Günther Rager, Westend Verlag, 240 Seiten, 18 Euro

Er liebt die Politik. Jacob will dazugehören. War es so nicht schon den Alpha-Politikjournalisten vergangener Tage gegangen? Hatten nicht auch sie es gemocht, jeden Tag den Mächtigen und Wichtigen zu begegnen, mit ihnen zu frühstücken, um die Welt zu reisen, ins Hinterzimmer gelotst zu werden? Wie oft hatte man in Nachrufen gelesen, wie ein Journalist über eine Begegnung mit dem verstorbenen Politiker salbaderte, wahlweise die erste oder letzte, nach dem Motto: Schaut her! Er hat mich berührt. Allein: Diesen Politikjournalisten hatte noch ein Anspruch im Nacken gesessen, ihr Anspruch, ein kritischer Begleiter zu sein. Und auch das Publikum wurde quengelig, wenn die Journalisten allzu viel Nähe zu »denen da oben« zeigten, es witterte Verschwörungen und schrie erst recht »Lügenpresse!«, bestätigt in seinem Weltbild von den korrumpierten Eliten. Aber Jacob kann das heute egal sein, denn Jacobs Publikum sind die Politiker selbst, sind ihre Mitarbeiter und Einflüsterer und die paar Leute, die sich da draußen noch für Politik interessieren, aus kultivierter Langeweile mehr denn aus echtem Interesse. Politik ist mehr denn je ein exklusiver Club. […] 

Und das ist der Autor

Dominik Speck, Jahrgang 1991, hat in Dortmund Journalistik studiert und bei 
der Nachrichtenagentur epd volontiert. Er arbeitet als freier Journalist unter
anderem für den Fachdienst epd medien und als wissenschaftlicher Mitarbeiter
am Institut für Journalistik der TU Dortmund.