Quo vadis, Journalismus?

Neue Nachrichten vom Chatbot

Nachrichtenkonsum mal nicht als Einbahnstraße: Mit News-Chatbots können Nutzer kommunizieren. In Deutschland hat Martin Hoffmann auf diesem Gebiet Pionierarbeit geleistet: Seine App Resi ging 2016 an den Start, Hoffmann gab für das Start-Up seinen Job als Social Media-Chef bei der Welt auf. Resi richtet sich explizit nicht an Nachrichtenjunkies. Im Interview erzählt Hoffmann, warum ihn die Ernährungsberatungs-App Lark bei der Entwicklung von Resi inspiriert hat – und warum Technikkompetenz für angehende Journalisten so wichtig ist. 

Wenn Sie eine Kontaktanzeige in der Zeitung für Resi schreiben würden, was würde da stehen?

Hoffmann: Unterhaltsame junge aufgeschlossene Frau sucht Millionär mit gutem Wissensstand. Wir suchen nach Geld, deshalb wäre der Millionär ganz oben.

Und in Richtung der Nutzer?

Wir richten uns ja eher an Leute, die nicht hier ein Studium anfangen würden, sondern eher ein mittelgutes Bildungsniveau haben. Unsere App ist weniger für Akademikerkinder geeignet, sondern eher für Leute, die wenig Bezugspunkte zu Nachrichten haben, nicht die Tagesschau einschalten, und auch sonst selten bis nie Nachrichten konsumieren. Dieser Zielgruppe wollen wir einen Einstieg in die Nachrichtenwelt bieten.

Geht das Konzept auf?

Ja, das tut es. 70 Prozent unserer Nutzer sind unter 34. Das sehe ich bei fast jeder E-Mail, die ich erhalte. Dabei erkenne ich auch an der Zahl der Rechtschreibfehler mancher Nutzer, dass uns viele Menschen mit Migrationshintergrund schreiben. Das ist genau die Zielgruppe für die wir das machen und die erreichen wir ganz gut.

Im aktuellen Digital News Report des Reuters Institute steht, Deutschland sei ein traditioneller Medienmarkt und die Deutschen würden Medien eher passiv nutzen. Ist das nicht ein Zeichen, dass man solche Apps gar nicht braucht?

Bei Resi fehlt ja die Social-Komponente. Man ist allein mit der App. Im Vergleich zu Facebook zum Beispiel fehlt ja das vernetzt sein. Auch wenn Deutschland ein klassischerer Medienmarkt als die USA oder Indien ist, glaube ich, dass die Offenheit durchaus da ist, sich mit so einer App zu beschäftigen – auch wenn sie anders ist als eine klassische News-App.

War dieser Trend der Anlass, diese App zu entwickeln?

Ich habe schon häufiger in meinem Leben darüber nachgedacht, selbst zu gründen. Ich hatte auch schon viele Ideen, die ich aber nie umgesetzt habe. Es gab immer Gründe, die dagegengesprochen haben: Ein anderes Jobangebot, die familiäre Situation – es finden sich immer Ausreden. Während meiner Zeit als Redakteur bei der Welt bin ich über die App Lark gestolpert, die Ähnlichkeit zu Resi hat. Nur, dass der Fokus nicht auf Nachrichten liegt, sondern auf Fitness und Ernährung. Lark sagt einem: „Geh mal raus und mach Sport, du sitzt den ganzen Tag auf der Couch.“ Irgendwann habe ich angefangen Lark zu personifizieren und dachte mir: „Ich habe heute Lark noch gar nicht erzählt, was ich gegessen habe“. Und dann hat es Klick gemacht. Ich habe mir gedacht, was wäre, wenn man dasselbe Prinzip, das es schafft eine emotionale Bindung aufzubauen, auf den Journalismus zu beziehen versucht? Dann habe ich mit Freunden darüber geredet, es mit der Zielgruppe getestet und die Entscheidung getroffen, meinen Job zu kündigen und es auszuprobieren.

Das heißt Sie haben Lark privat benutzt und sind darüber auf Ihre Idee gekommen?  

Genau. Das ist bei mir sehr oft so, dass ich erstmal eine Technologie oder App ausprobiere. Ich habe einen unglaublichen Spielgeist und gucke mir erstmal alles an, egal wie überflüssig es erscheinen mag. Man kann ganz oft Details eines anderen Produktes auf ein journalistisches Produkt übertragen. Das Rad muss nicht immer neu erfunden werden.

Erheben Sie Statistiken über die Nutzung der App?

Ja, wir tracken alles. Wir wissen genau, welche Inhalte die Nutzer interessieren, wie weit sie lesen und wo sie dann wieder aussteigen. Klicken sie auf die Fotos, auf die GIFs, auf die Links? Wenn ja, wie oft? Zu welcher Tages- und Nachtzeit gehen sie in die App? Das tracken wir alles und versuchen Schlussfolgerungen zu ziehen, um unser Produkt zu verbessern.

Sinkt durch das kurze Chat-Format die Erzählkraft einer Story?

Wir richten uns ja an Leute, die fast keinen Berührungspunkt mit News haben. Sich durch 15 Teaser zu klicken, ist für die schon besser als gar nichts. Sie wollen schnell und komprimiert die Information haben und das in einer Sprache, die sie verstehen. Man muss sich frei machen von der eigenen Perspektive und die des Nutzers einnehmen. Wenn es für die funktioniert, ist es gut.

Wonach entscheiden Sie, aus welchen Medien die Informationen für ihre Newskommen?

Wir versuchen immer auf die Korrespondenten vor Ort zu verlinken anstatt auf Agenturtexte. Das lässt sich in der Praxis allerdings nicht immer umsetzen. Manchmal tauschen wir nach einer Weile die Links in unserer App nachträglich aus. Ansonsten versuchen wir die Artikel zu verlinken, die den besten Überblick über die Geschehnisse zu geben.

Wie wollen Sie ihre App in Zukunft noch verbessern?

Zum einen denken wir sehr stark darüber nach, Resi zu erweitern und anderen Publishern Zugriff zu gewähren. So chattet man dann als Nutzer zum Beispiel bei Resi mit Sebastian vom Kicker, mit Andreas von Auto Bild und mit Yvonne von Gala. Außerdem wollen wir noch mehr Interaktivität einbauen, speziell über Gruppenchats. Die To-Do-Liste ist 500 Punkte lang, aber die Umsetzung ist natürlich eine Frage der Finanzierung.

Bei Twitter haben Sie im Januar 2017 geschrieben: „Man fragt sich immer wieder, warum die ARD nicht in der Lage ist, eigene Ideen zu entwickeln.“ Sind Sie genervt von dem Konkurrenzkampf zwischen dem für das öffentlich-rechtliche Jugendangebot Funk entwickelten Bot Novi und Resi?

Ich habe auf verschiedenen Ebenen ein Problem damit. Das erste ist ein ganz persönliches. Durch meine öffentlich-rechtliche Vergangenheit kenne ich jeden Einzelnen, der Novi entwickelt hat, sehr gut. Diese Leute waren teilweise sogar meine Beta-Tester. Deshalb finde ich das etwas fragwürdig, ein Konkurrenzprodukt zu unserer App zu entwickeln. Das zweite Problem, was ich damit habe, ist eher eine medienpolitische Frage. Da ist ein Angebot (Funk, Anm. d. Red.), das 45 Millionen Euro im Jahr erhält. 45 Millionen Euro, das hat kein US-Medien-Startup, das hat weder BuzzFeed noch NowThis. Und die haben 45 Millionen und können einfach alles auf dem Markt nachbauen. Die Öffentlich-Rechtlichen sagen, sie würden auf Kooperation setzen. Das machen sie teilweise, zum Beispiel mit Youtube-Stars wie LeFloid. Bei der Novi-App hätte man theoretisch auch auf mich zurückkommen können. Ich frage mich, warum das in dem Fall nicht passiert ist. Ob das dann geklappt hätte, ist eine andere Frage. Wenn es jetzt bald wieder ein cooles Medien-Startup gibt, wer sagt denn, dass die nicht einfach hingehen und mit ihrem Geld kopieren. Ich habe aber bei unserer App keine Sorge, dass uns Novi die Nutzer wegnimmt. Der Markt ist groß genug. Und ich mache mir auch keine Sorgen, dass bei den Öffentlich-Rechtlichen bessere Innovationen entstehen.

Sie waren zunächst „klassischer“ Journalist beim MDR und später bei der Welt. Jetzt sind Sie an der Schnittstelle zwischen Technik und Journalismus. Ist das der Weg, den zukünftige Journalisten und Journalistinnen gehen müssen, um in der Branche Fuß zu fassen?

Ich glaube schon, dass ein Journalist, der heutzutage keine Technikkompetenz mitbringt, es ziemlich schwer hat, besonders im Berufseinstieg. Er hat noch 40 Berufsjahre vor sich und ist nur auf dem Level der aktuellen Generation. Auf diesem Wissensstand eine Karriere aufzubauen ist nicht ideal. Deshalb ist es wichtig, einen großen Technikfokus zu haben und Verständnis dafür zu entwickeln, wie das Internet funktioniert. Wie läuft das mit Apps? Was muss man da machen? Was für neue Technologien kommen auf den Markt? Was gibt es für Best Practice-Beispiele außerhalb des eigenen Unternehmens? Die Augen aufhalten, internationale Konkurrenz beobachten und sich dort Inspirationen holen, das ist wichtig. Mit 40 Berufsjahren, die einem noch bevorstehen, wird es schwierig, wenn man nur gute Reportagen schreiben kann. Da ist der Markt ohnehin schon überfüllt. Besonders für Journalisten mit einem solchen Profil wird es immer schwieriger einen guten Job zu finden. Gut geht es denen, die ein großes Knowhow im digitalen Bereich haben. Solche Journalisten werden mit Angeboten überhäuft. Wenn ich Berufseinsteiger wäre, würde ich mich bemühen, mir dieses Knowhow anzueignen.

Was wäre Ihr Wunsch für die Zukunft des Journalismus?

Ich glaube, dass die Blütezeit des Journalismus noch bevorsteht. Der Journalismus ist besser geworden. Klar, es gibt mehr Journalismus und dadurch auch mehr Trash und Entertainment. Aber es gibt auch viel mehr gute Angebote. Wir leben in einer Übergangszeit, in der über neue Geschäftsmodelle gesprochen werden muss. Das ist aber normal. Es müssen sich jedoch bald neue Wege finden, mit Onlinejournalismus Geld zu verdienen. Wir werden sicher nicht dahin zurückkommen, dass man nur die Druckerpresse anwerfen muss und das Geld in die Redaktionen sprudelt. Da muss schon etwas mehr getan werden.